Harmonisierend und belebend
„Ich lese jeden Abend eine Weile in der Bibel. Das gibt Kraft!“ Diese spontane Äußerung einer 90-jährigen Dame, welcher ich während eines Forschungsprojektes im Rahmen meines Gerontologie-Studiums begegnete, ließ mich nicht mehr los, weil sie mit einer derart überzeugten Festigkeit vorgetragen wurde, die bei mir den Eindruck erweckte, dass schon der Gedanke an die Bibel bei ihr Kräfte freisetzte. Was ist diese Kraft, die sie verspürte?
Eine ähnliche Erfahrung hatte ich zwei Jahre vorher selbst gemacht, als ich während meiner Ausbildung in „Tiergestützte Pädagogik und Therapie“ (Ev. Hochschule Freiburg 2008-2010) eine Weile mit einer Poitou-Eselin wandern durfte. Es hat sich einfach gut angefühlt. Ich war nach der Wanderung irgendwie bei mir.
Eine weitere unvergessliche Erfahrung machte ich im Jahr 2009, als ich – bereits im Ruhestand – bei einer Lama-Halterin in Karlsruhe ein Tagespraktikum absolvierte: Am Abend versammelte sie ihre fünf Lama-Damen in einem wenige Quadratmeter umfassenden Metallgestell, sodass sich dort praktisch Tierkörper an Tierkörper drängte. Mitten in diese Tier-Enge zwängten wir uns auch noch hinein. Und was geschah? Eine wohltuende Ruhe und Entspannung breitete sich in mir aus: das Atmen der Tiere, ringsum Wärme und Wolle. So hätte ich es aushalten können. Nach einer Weile verließen wir den Tierkreis wieder, und die Lamas durften ihren Weidegang fortsetzen.
Seither suche ich nach den auf den menschlichen Körper harmonisierend und belebend wirkenden Bedingungen u.a. auch in meiner kleinen Eselgruppe.

Entwicklung auf das physische Ende hin
Inzwischen gehören mein Mann und ich mit fast 83 Jahren zu den hochaltrigen Menschen in unserer Gesellschaft.
Hochaltrigkeit oder das 4. Lebensalter, ist laut statistisch-gerontologischer Meinung der Lebensabschnitt von ca. 80 /85 Jahren bis zum Tod. Im Vergleich zum 3. Lebensalter, das mit ca. 60 Jahren beginnt, wird das 4. Lebensalter ab dem chronologischen Alter berechnet, in welchem die Hälfte der ursprünglichen „Geburts-Kohorte“ nicht mehr lebt, und das ist in modernen Industrieländern etwa das 80./85. Lebensjahr (Internet 14.11.23). Dieser 4. Lebensabschnitt ist, statistisch /medizinisch gesehen, gekennzeichnet durch zunehmende Multimorbidität, einer Ansammlung von altersbedingten Beschwerden bzw. Erkrankungen sowie mehrfachen chronischen Leiden, wie Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs, Diabetes, Demenz, um nur einige Beispiele zu nennen. Daraus ergeben sich oftmals gravierende Folgen: die Beeinträchtigung des Wohlbefindens, das Nachlassen der allgemeinen Leistungsfähigkeit und Mobilität, die Erhöhung der Sturz- und Unfallgefahr und die Einschränkung der Selbstversorgungsfähigkeit. Da mit fortschreitendem Alter auch wichtige Wegbegleiter (Ehepartner, Freunde, Vorbilder) versterben, nimmt die Zahl der vertrauten Sozialkontakte drastisch ab. Insofern gehört zum 4. Lebensalter auch zunehmende Einsamkeit.
Als Ausweg ergeht in den Medien oft der Ratschlag an die Bevölkerung, im Hinblick auf das Alter rechtzeitig soziale Kontakte zu knüpfen. Aber glaubt jemand im Ernst, dass pflegende Personen, Wohltätigkeitsvereine, helfende Nachbarn oder auch Kinder und Enkelkinder Wegbegleiter ersetzen können? Fakt ist doch: Selbst dann, wenn das Sterbezimmer voller anteilnehmender Menschen ist, sterben muss jeder allein. Das ahnen bereits junge Menschen und leiden unter der Tatsache, dass sie niemand auf diese Seite des Lebens vorbereitet. Wichtig wäre es, die Einsamkeit oder das Aufsichgestelltsein als normale Gegebenheit, als Gegenpol zum Angewiesensein auf Gemeinschaft anzunehmen und Wege zu finden, gut damit zu leben. Schließlich erwächst aus dem Aushalten und Meistern der Einsamkeit das Bewusstsein der Selbstwirksamkeit, einer wichtigen Ressource für eine positive Entwicklung auf das physische Ende hin. Diese „Geheimnisse des Lebens, sollte man Kindern frühzeitig nahebringen. Sie sind auch Motiv für diese Selbsterfahrungsstudie.
Und nun zu den Geheimnissen des Esellebens:
„Die Eselstute Lina ist trächtig“, meinte eines Tages ein Besucher, der sich offensichtlich mit derartigen Problemen auskannte. Wir hatten zwar nie einen Deckakt beobachtet, aufgefallen war uns aber doch, dass der Junghengst Otto mit seiner Mitbewohnerin häufiger recht derb rangelte. Auch uns gegenüber verhielt er sich widersetzlicher. Tätlich angegriffen hat er uns zwar nie, aber in unsere Richtung in gebührlichem Abstand ausgefeuert. Gnade uns Gott, wenn er uns wirklich hätte treffen wollen! Wahrscheinlich versuchte er seine Machtposition auch uns gegenüber auszuloten. Alarmiert durch diese Verhaltensänderungen erkundigte ich mich bei der Züchterin meiner beiden Esel, wie ich nun vorgehen könnte. Sie riet mir, Otto kastrieren zu lassen, weil unter meinen Haltebedingungen seine Aggressivität unbeherrschbar werden könnte. Die Operation erfolgte Ende März 2016 . Im Nachhinein bin ich der Meinung, dass diese Entscheidung richtig war.
Natürlich erkundete ich im Internet, was über Eselträchtigkeit und Geburt zu lesen war und welche Vorbereitungen ich treffen musste. Zum Glück durfte ich lesen, dass Eselgeburten in der Regel komplikationslos verlaufen. So vergingen die Herbst- und Wintermonate. Man sah der Lina ihre Trächtigkeit kaum an. Und eines kalten Morgens, am 6. Februar 2017, stand es da, ein wunderhübsches, weißes Eselmädchen, gehüllt in ein gelocktes Fellchen, gleich einem Persianermantel. Daneben stand eine wachsame, wehrhafte Mutter, die den Vater ihres Kindes auf Abstand hielt. Otto respektierte Linas Verhalten. Er war aber immer anwesend, beobachtete alles und trug dazu bei, durch seine Körperausdünstungen die Hütte und das Kind warm zu halten. Ich war die Einzige, die das Eselchen anfassen und hochnehmen durfte. Welch eine Freude!

Eselmädchen Meta ist eine Woche alt. Erster Ausgang mit der Mutter ins Freie.